{"id":652,"date":"2018-12-23T19:58:29","date_gmt":"2018-12-23T18:58:29","guid":{"rendered":"http:\/\/www.juhonisch.de\/?p=652"},"modified":"2022-12-09T15:23:50","modified_gmt":"2022-12-09T14:23:50","slug":"adventblocker","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/testseite.juhonisch.de\/?p=652","title":{"rendered":"ADventBLOCKER"},"content":{"rendered":"<p>\u201eWas ist Weihnachten?\u201c, fragte Sven.<br \/>\n\u201eDa kommt der Weihnachtsmann!\u201c, sagte der Vater, ohne von seinem Handy aufzublicken.<br \/>\n\u201eNein, das Christkind\u201c, sagte Oma bestimmt.<br \/>\n\u201eWer denn nun?\u201c, fragte Sven.<br \/>\n\u201eUnd wer ist dann dieser Santa?\u201c, fragte Marie-Louise. Sie war nur wenig \u00e4lter als Sven, meinte aber doch, ihr gr\u00f6\u00dferes Detailwissen darstellen zu m\u00fcssen.<br \/>\n\u201eDas hei\u00dft Satan!\u201c, korrigierte Oma, deren Weltsicht entschlossen unamerikanisch war.<br \/>\n\u201eHei\u00dft es nicht!\u201c<br \/>\n\u201eSanta und Satan sind nicht das gleiche, trotz des Anagramms \u201c, korrigierte Vater und begann, auf Wikipedia die jeweiligen Definitionen nachzusehen. \u201eIch zeig\u2019s euch gleich.\u201c Seine dicken Finger schoben \u00fcber das Smartphone, und seine Stirn runzelte sich, als m\u00fcsste er ein Tau durch ein Nadel\u00f6hr f\u00fchren.<br \/>\n\u201eUnd welche Rolle spielt dieser Nikolaus mit seinem Krampus?\u201c, fragte Maximilian-Alexander, der sich als Teenager schon entschieden zu alt f\u00fchlte, als dass er noch an so was glauben wollte. \u201eWas f\u00fcr ein seltsames Verh\u00e4ltnis haben die beiden eigentlich? Der eine tr\u00e4gt lange Kleider und komische H\u00fcte, und der andere pr\u00fcgelt gerne Kinder.\u201c<br \/>\n\u201eSch\u00e4m dich!\u201c, begehrte Tante Edeltraut auf. \u201eSo was sagt man nicht!\u201c<br \/>\n\u201eAber komisch ist es schon!\u201c, triumphierte Maximilian-Alexander. Wenn Tante Edeltraut meinte, er sollte sich sch\u00e4men, war das ein untr\u00fcgliches Zeichen, dass er irgendwie gewonnen hatte.<br \/>\n\u201eDas ist katholisch!\u201c, erkl\u00e4rte Tante Edeltraut. Onkel Eberhard verschluckte sich am Gl\u00fchwein und hustete unchristlich. \u201eSei du blo\u00df still!\u201c, zischte die Tante. \u201eWenn es nach dir ginge, w\u00e4ren wir alle Heiden!\u201c<br \/>\n<a href=\"https:\/\/testseite.juhonisch.de\/wp-content\/uploads\/2022\/12\/weihnachtsbaum15.jpg\"><img fetchpriority=\"high\" decoding=\"async\" class=\"alignleft size-medium wp-image-1512\" src=\"https:\/\/testseite.juhonisch.de\/wp-content\/uploads\/2022\/12\/weihnachtsbaum15-169x300.jpg\" alt=\"\" width=\"169\" height=\"300\" \/><\/a>\u201eWelche Art von Heiden?\u201c, fragte Anna-Kathrin. Sie studierte im ersten Semester Soziologie und V\u00f6lkerkunde und hinterfragte gerne alles. \u201eEurop\u00e4ische Heiden? Asatru? Wicca? Oder mehr etwas Au\u00dfereurop\u00e4isches? Buddhismus ist zurzeit sehr gefragt.\u201c<br \/>\nDer Vater hatte gerade Satan gefunden und begann nun, Asatru und Wicca zu googeln. \u201eIch hab\u2019s gleich\u201c, sagte er. Niemand glaubte ihm.<br \/>\n\u201eWas ist denn nun Weihnachten?\u201c, fragte Sven patzig.<br \/>\n\u201eWir erkl\u00e4ren das doch gerade! Das ist nicht so einfach.\u201c<br \/>\n\u201eUnd die Sheepboys und die jubelnden Jahresendfl\u00fcgler sollten wir auch nicht vergessen\u201c, warf Maximilian-Alexander dazwischen, der ein untr\u00fcgliches Gef\u00fchl daf\u00fcr entwickelt hatte, wann ein Kommentar am wenigsten passte. Tats\u00e4chlich hatte er diese Art der Kommunikation zur Kunstform erhoben.<br \/>\n\u201eIn N\u00fcrnberg ist das Christkind weiblich\u201c, dozierte Anna-Kathrin. \u201eEventuell lassen sich da vorchristliche Wurzeln erkennen \u2013 Muttergottheit und so. \u00dcberhaupt ist Weihnachten zu einem nicht unerheblichen Teil vorchristlich. Sonnwendriten und Immergr\u00fcn. Das hat nicht wirklich etwas mit einer orientalisch-patriarchalischen Religion zu tun, die von den R\u00f6mern annektiert und auf irgendeinem Konzil f\u00fcr das r\u00f6mische Denken passend geschliffen wurde und seitdem eine Art Markenschutz betreibt.\u201c<br \/>\n\u201eMarkenschutz?\u201c, fragte Onkel Eberhard.<br \/>\n\u201eWie der Coca-Cola Schriftzug. Nie was \u00e4ndern, damit sich die Kunden mit der Marke identifizieren k\u00f6nnen. Und die verbrennen, die das Markenrecht verletzen.\u201c<br \/>\n\u201eSchreibt man Wicca mit ck oder mit zwei k?\u201c, fragte der Vater.<br \/>\n\u201eWeihnachten hat doch nichts mit Coca-Cola zu tun!\u201c, schimpfte Oma.<br \/>\n\u201eSanta Claus schon!\u201c, erkl\u00e4rte Marie-Louise. \u201eDer kommt immer mit dem Coca-Cola-Truck.\u201c<br \/>\n\u201eIch dachte, mit dem Schlitten?\u201c, fragte Onkel Eberhard unschuldig. \u201eMit Rennm\u00e4usen.\u201c<br \/>\n\u201eRentieren, Onkel Eberhard, Rentieren.\u201c<br \/>\n\u201eMit roten Nasen. Vielleicht ein politisches Statement?\u201c Onkel Eberhard klang manchmal so, als w\u00e4re er gerne Maximilian-Alexander. Tante Edeltraut sah dann meist so aus, als bek\u00e4me sie gerade Verstopfung.<br \/>\n\u201eSanta kommt mit dem Schlitten und schl\u00fcpft durch den Kamin!\u201c<br \/>\n\u201eSchwierige Angelegenheit bei Zentralheizung\u201c, murmelte Maximilian-Alexander. \u201eBei dem Durchmesser von Heizungsrohren m\u00fcsste er dann die Form einer sehr, sehr langen Cabanossi haben. Mit roter Pelle und flauschigen Enden.\u201c<br \/>\n\u201eIhr seid alle bl\u00f6d!\u201c, konstatierte Marie-Louise.<br \/>\nUnd Oma nickte: \u201eRichtig, mein Kind. Sehr bl\u00f6d.\u201c<br \/>\n\u201eUnd was ist jetzt Weihnachten?\u201c, fragte Sven noch einmal, dem ein einfacher Satz lieber gewesen w\u00e4re als ein verbales Wimmelbild.<br \/>\nDie T\u00fcr ging.<br \/>\n\u201eDas wird Karin sein. Sie musste heute l\u00e4nger arbeiten. Wenn man so einen sozialen Job hat \u2026\u201c<br \/>\nSvens Mutter kam ins Zimmer und schob zwei Fremde herein, die sich etwas nerv\u00f6s umsahen. Sie trugen volle Plastikt\u00fcten als Gep\u00e4ck und hatten billige Nikolausm\u00fctzen auf. Sie sahen nicht eben sauber aus.<br \/>\n\u201eDas sind Martha und Werner. Die werden mit uns Weihnachten feiern.\u201c<br \/>\nEs war ganz still.<br \/>\n\u201eSie haben sonst niemand, und drau\u00dfen ist es kalt\u201c, erkl\u00e4rte die Mutter und blickte in Gesichter, die den Zusammenhang gerade nicht verstanden.<br \/>\n\u201eAber Karin \u2026\u201c, w\u00fcrgte der Vater hervor, \u201ebei aller Liebe \u2026 es ist doch Weih\u2026\u201c<br \/>\n\u201eEben\u201c, sagte die Mutter.<br \/>\nTante Edeltraut stand auf. \u201eEberhard, ich denke, wir sollten jetzt \u2026 es ist schon sp\u00e4t \u2026\u201c<br \/>\n\u201ePrima\u201c, meinte Maximilian-Alexander. \u201eDann brauche ich keine zus\u00e4tzlichen St\u00fchle zu holen. &#8211; Setzt euch doch! Nehmt euch einen Keks.\u201c<br \/>\n\u201eWirklich Karin!\u201c Tante Edeltraut l\u00e4chelte d\u00fcnn. \u201eMan kann es auch \u00fcbertreiben. An Weihnachten! Das geh\u00f6rt doch der Familie!\u201c<br \/>\n\u201eDas geh\u00f6rt uns?\u201c, fragte Sven. \u201eGanz allein uns? Dann h\u00e4tte ich gerne das mit dem Truck.\u201c<br \/>\n\u201eDu hast das noch nicht richtig verstanden, mein Junge!\u201c, korrigierte Tante Edeltraut, die sich wieder hingesetzt hatte und noch einen Keks nahm, ehe diese etwa von anderen gegessen wurden.<br \/>\n\u201eDu auch nicht, Tante Edeltraut, du auch nicht!\u201c, grinste Maximilian-Alexander.<br \/>\n\u201eUnd jetzt singen wir alle was\u201c, sagte Oma. Selten war die stille Zeit so still, wie nach einer solchen Aufforderung.<\/p>\n<p>Doch es wurde ein sch\u00f6nes Weihnachtsfest \u2013 selbst ohne Coca-Cola-Truck.<\/p>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>\u201eWas ist Weihnachten?\u201c, fragte Sven. \u201eDa kommt der Weihnachtsmann!\u201c, sagte der Vater, ohne von seinem Handy aufzublicken. \u201eNein, das Christkind\u201c, sagte Oma bestimmt. \u201eWer denn nun?\u201c, fragte Sven. \u201eUnd wer ist dann dieser Santa?\u201c, fragte Marie-Louise. 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